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Die Zunft der Leineweber

WebstuhlDas Gewerbe der Leineweber oder Züchner war für die Stadt Zittau und später auch für die umliegenden Dörfer von großer Bedeutung. Davon zeugt allein schon, dass nach dieser Zunft eine der wichtigsten Gassen benannt worden ist, nämlich die Webergasse, die heutige Innere Weberstraße. Seit 1390 sind die Namen der Innungsmeister belegt. Aus jenem Jahr stammen auch die ältesten überlieferten Artikel (d.h. Satzungen) der Zunft. Aus ihnen erfahren wir z. B., dass Leinwandweben damals als „Ziechwerk treiben“ bezeichnet wurde. Der Name Züchner bedeutet also Ziechenweber. Hier sei ein kleiner Ausflug in die Sprachgeschichte gestattet.

Wir treffen das Wort Zieche noch im heimischen Dialekt in der Bedeutung Bettbezug an. Im Mittelhochdeutschen verwandte man zieche laut Grimmschen Wörterbuch überall in Deutschland als Bezeichnung für eine sackartige Hülle, besonders für Betten. Zieche hat ethymologisch nichts mit ziehen zu tun, sondern kommt vom griechisch-lateinischen theca, was Hülle, Futteral oder Decke bedeutet und auf anderem Weg wieder als Theke, Bibliothek oder Apotheke in unsere Sprache gelangt ist. Im Niederländischen heißt Zieche tijk, im Englischen tick und im Französischen taie.

Die Artikel der Züchner unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der anderen Zünfte. Auch hier darf nur der Meister werden, der ehelich geboren ist und redliches Verhalten in seinem Leben bewiesen hat. In den Versammlungen ist Messerzücken und Kannenschlagen verboten. Der Bürgermeister erhält von der Zunft jährlich einmal ein Tischtuch und ein Handtuch.

Wieviel Menschen dieses Handwerk in Zittau ernährte, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Ihre Zahl war sicher sehr groß bis zum Dreißigjährigen Krieg, in dessen Folge die Leineweberei in der Stadt stark zurückging. Trotzdem gab es 1773 immer noch 84 Weber.

In Zittau wurde rohe und farbige Leinwand produziert. Als Sortiment weisen die Quellen aus: „Leinwat, Züchen, Tischlachen, Handtücher, Zwillich, Parchent und Goltzschen“. Die Garne bezog man hauptsächlich aus Oberschlesien. Das fertige Gewebe oblag der Prüfung sogenannter Schaumeister. Die Innung besaß ein eigenes Haus, das Meisterhaus oder die Leinweberherberge, das sich auf dem Mandauer Berg befand und nach alter Nummerierung die Zahl 593 trug. Das Gebäude brannte mehrere Male ab, auch 1757 beim Bombardement, wurde 1765 neu errichtet und Anfang des 19. Jahrhunderts an Privathand verkauft. Dem Haus war „die Freiheit des Bier- und Branntweinschankes“ verliehen, und es wurde zu mancherlei größeren Festlichkeiten genutzt.

Den Dorfbewohnern war in alten Zeiten das Leineweben als Gewerbe nicht gestattet. Streng achtete die Zittauer Zunft auf die Wahrung ihres Monopols. Zuweilen gingen die Meister - wie 1627 letztmalig belegt - von Polizeidienern begleitet übers Land, um Webstühle ausfindig zu machen und diese zu zerschlagen. 1638 jedoch, mitten im Dreißigjährigen Krieg, erfahren wir aus einem Memorial des Zittauer Rates, dass sich diese Situation grundlegend geändert hatte. Infolge der letzten Pestepidemie und des schon lang andauernden Krieges hatte sich die Anzahl der Leineweber so dezimiert, dass die Aufträge der Handelshäuser nicht mehr erfüllt werden konnten. Wenn also Zittau im Geschäft bleiben wollte, ging es nur unter Einbeziehung von Leinewebern aus den Dörfern. Von nun an wurde die Dorfweberei geduldet, allerdings unter Erhebung eines Stuhlzinses durch den Zittauer Rat. Dieses Stuhlgeld gab über zwei Jahrhunderte hinweg immer wieder Anlass zu ernsten Auseinandersetzungen zwischen Webern und Rat. Die Höhe des Konzessionsgeldes richtete sich aber auch nach der Art des Webstuhls bzw. nach denen sich daraus ergebenen Verdienstmöglichkeiten. So musste man für einen einfachen Webstuhl zwei Taler, für einen Zwillichstuhl vier Taler und für einen Damaststuhl sechs Taler jährlich entrichten.

Auch durch die Ansiedlung böhmischer Exulanten, die des Weberhandwerks kundig waren, erhielt die Dorfweberei einen ungeheuren Aufschwung, während die städtische Weberei immer mehr zurückging und ab 1760 langsam verfiel. Die Kaufleute der großen Zittauer Handelshäuser, die Filialen in Nürnberg, Augsburg, Triest und anderen europäischen Handelszentren innehatten, ließen auf den Dörfern arbeiten, so dass der städtischen Zunft nur noch der Absatz in der eigenen Stadt und in benachbarten Städten, namentlich böhmischen, blieb.

Im Jahre 1729 gab es bereits 5201 Webstühle auf dem Land, davon 754 in Großschönau, 680 in Oderwitz, 637 in Eibau und 359 in Seifhennersdorf. Inzwischen war auch die aus den Niederlanden stammende Damastweberei eingeführt worden und hatte in Großschönau ihr Produktionszentrum gefunden. Anderenorts stellte man rohe, rot gestreifte, scheckige und bunte Leinwand her, die zu Inletten, schürzen etc. verarbeitet werden konnte. Anfang des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich die Situation der Weber mehr und mehr. Einerseits verdrängte die Baumwolle das althergebrachte Leinen vom Markt, andererseits nahm die Industrialisierung ihren Lauf und ließ die Weberei als Handwerk absterben. In der Stadt gab es 1837 nur noch 10 Leineweber. Die Zeit des Weberelends in den dreißiger Jahren brachte Maschinenstürmerei und erneuten Kampf um das Stuhlgeld mit sich. 1847 wurde in Zittau die erste mechanische Weberei eröffnet. Im Revolutionsjahr 1848 schaffte der Zittauer Rat auf Druck der Weber den Stuhlzins gänzlich ab. In den folgenden Jahren setzte sich die Industrie gegen das Handwerk vollständig durch und leitete eine neue Epoche in der Geschichte der Textilproduktion ein.

Ausführung: Hansjörg Masch, Städtische Museen Zittau, Stadtanzeiger vom 04.05.1998