Die Geschichte des Zunftswesens, der geschriebenen oder anderweitig überlieferten Regeln beruflichen Zusammenlebens und das Brauchtum der Zünfte sind äußerst interessante und aufschlussreiche Hinterlassenschaften unserer Vorfahren. In den Zunftartikeln finden sich u.a. Bestimmungen zur Lehrzeit, Meisterwerdung einschließlich der Anfertigung des Meisterstückes und der Qualität der herzustellenden Erzeugnisse. Zum sogenannten „Quartal“ trafen sich die Mitglieder in ihrer Herberge, aus gegebenem Anlass vielleicht auch einmal zusätzlich, um nach der Erledigung ihrer beruflichen Belange das gesellige Beisammensein zu pflegen. Unverzichtbarer Bestandteil solcher Zusammenkünfte war das Zunftgerät, das oftmals aus Zinn gefertigt war. Da gab es Schenk- und Trinkgefäße, Essgeschirr wie Teller, Platten und Schüsseln, Tabakdosen und vieles mehr. Vom Wohlstand jedes Handwerks waren Anzahl und Ausstattung dieser Gerätschaften abhängig.
Die
hiesige Maurerzunft hatte ihre Herberge gemeinsam mit den Tuchmachern
in der Weidengasse (heute Innere Oybiner Straße). Den Zittauer Maurern
muss es in der Mitte des 16. Jahrhunderts recht gut gegangen sein, als
sie bei dem Zittauer Zinngießer Paul Weise (gest. 1591) 1562 ein
Schenkgefäß
in Auftrag gaben, das heute zu den Meisterwerken sächsischer Zinngießerkunst
gehört. Die Kanne ist mit reicher Verzierung in Reliefguss geschmückt.
Dazu benutzte der Zinngießer Abgüsse von Plaketten des Nürnberger
Formstechers Peter Flötner (gest. 1546), die er dann auf den Kannenmantel
lötete. Der
inhaltliche Zusammenhang der Darstellungen spielte bei der Aneinanderreihung
der einzelnen Motive eine untergeordnete Rolle. Die Zittauer Maurerkanne
ist durch Messingbänder in 3 Zonen geteilt, wovon die beiden oberen
Friese Darstellungen von 7 Musen, 7 Planetengöttern und 3 Tugenden
tragen, den Abschluss in Reliefschmuck bildet ein Fries aus Laubwerk und
Halbfiguren.
An der Stirnseite der Kanne sind auf zwei Schilden die Zunftembleme der
Maurer dargestellt. Zusätzlichen Schmuck erhält das Gefäß durch
gepunzte Ornamente, den mit einem Messinggrand versehenen Deckelrand sowie
drei
Rundmedaillons auf der Oberseite des Deckels. Auf dem Henkel befinden
sich die eingeschlagene Meistermarke Paul Weises und die Stadtmarke von
Zittau.
Paul Weise war zweifellos ein besonders begabter Handwerker seines Faches. Er schuf u.a. außer mindestens noch einer in Reliefguss gefertigten Kanne, 1560 nach einem Bildhauermodell den Taufstein für die Johanniskirche, der nach historischen Beschreibungen äußerst prachtvoll gewesen sein soll.
Die Städtischen Museen Zittau besitzen außerdem ein Apothekergefäß aus der Stadtapotheke, das von diesem Meister gefertigt wurde.
Ausführung: Margitta Radschinski, Städtische Museen Zittau, Stadtanzeiger vom 28.11.1997