Das Handwerk der Tuchmacher gehört zu den Gewerken, die sich seit den Anfängen der Entwicklung städtischen Lebens in Zittau nachweisen lassen. Die Entstehung wird zum einen eingewanderten Flamen zugeschrieben, welche ihren Ursprung auch in der Wollweberei auf den Dörfern haben, von denen sie sich nach der Stadt verlagerte, um hier zum eigenständigen Handwerk zu werden. Bereits 1312 erhielten die Zittauer Tuchmacher, als erste Zunft der Oberlausitz überhaupt, ihre Zunftordnung vom Zittauer Rat.
Gewachsener Wohlstand, Ansehen und zahlenmäßige Größe ließen die Tuchmacher nach zunehmender Selbstbestimmung in ihren Angelegenheiten streben, die 1367 zu Streitigkeiten mit dem städtischen Rat führten. Tuchmacher mit Vertretern anderer Zünfte und auf der anderen Seite Abgesandte des Stadtrates wurden, als sich Kaiser Karl IV. während einer Reise in der Nähe befand, bei ihm vorstellig, um ihm ihre Beschwerden vorzutragen. Der Kaiser schlichtete den Streit und versah die Tuchmacher mit neuen Zunftartikeln. Sie regelten u. a. die Qualität der Tuche, die Ahndung bei Verstößen gegen diese Anforderungen, die Annahme von Lehrlingen und die Meisterwerdung.
Die Zunftartikel wurden im 16. und 18. Jh. neu formuliert und ergänzt. Immer aber bildete die Qualität der Ware den Schwerpunkt der Bestimmungen. Die Verarbeitung minderwertiger Wolle konnte für den Meister bis zum Verlust seines Berufes führen. 1558 findet sich auch folgende Bestimmung: „Da sichs aber zutrüge, daß einem ein Tuch getadelt und zerschnitten würde, der soll solch zerschnitten Tuch weder aufm Land noch in der Stadt heimlich noch offenbar zu verkaufen nicht Macht haben, sondern wie von alters der Gebrauch gewesen sich und seine Kinder zu einem Spott darin kleiden schuldig seyn, bei Eltisten Straf.“
Zur Qualitätsüberwachung waren, wie bei anderen Gewerken auch, Schaumeister eingesetzt, die das fertige Tuch prüften, die Länge maßen und dann das Schauzeichen als Qualitätssiegel anbrachten. Der Ort, an dem das geschah, wurde „Zeichenhaus“ genannt und befand sich 1482 in der Zeichenstraße. Im 16. Jh. erwarben die Tuchmacher zu diesem Zweck ein Haus in der Weidengasse (Innere Oybiner Straße), in dem sich auch die Herberge befand. In der Herberge fanden wandernde Gesellen Unterkunft und die Versammlungen wurden hier abgehalten. Bis in die Mitte des 19. Jh. war das Haus im Besitz der Zunft. Bis der Schaumeister ein fertiges Tuch mit dem Innungszeichen versehen konnte, waren vorher eine ganze Reihe handwerklicher Arbeiten erforderlich: die geschorene Wolle musste gekämmt, gesponnen, gewebt, gefärbt, gewalkt und schließlich geschert werden. Das alles sind Tätigkeiten, die eigentlich selbstständige Gewerke bilden, in Zittau aber über längere Zeit, außer dem Spinnen der Wolle, vom Meister und seinen Gesellen ausgeführt wurden.
Ursprünglich wurde die Wolle sicherlich aus der Umgebung bezogen, später erfolgte der Einkauf u. a. auf Wollmärkten in Schlesien.
Im
Stadtmuseum Zittau befindet sich ein interessantes Werkzeug, das einst
zum Scheren der Wollstoffe diente. Es ist eine eiserne Tuchschere, ca.
1,3 m lang, nach deren Handhabung Besucher immer wieder fragen. Darum
hier eine
kurze Darstellung: Das gewebte Wolltuch wird zunächst in Wasser gewalkt,
so dass durch Wasser und mechanische Reibung eine Verfilzung der Oberfläche
entsteht. Danach wird das feuchte Tuch hängend gerauht. Ursprünglich
geschah das mit einer
Distelkarde,
später mit dem Rauheisen. Anschließend
erfolgt das Scheren des über einen gepolsterten, gewölbten Tisch
gespannten Tuches. Dabei liegt das untere, dem Tuchscherer zugewandte Blatt
der Tuchschere flach auf und wird gegebenenfalls zusätzlich mit Bleiklötzen
beschwert. Das obere Tuch wird vom Tuchscherer herangezogen, der somit die
aus der Oberfläche des Tuches hervortretenden Fasern schert. Damit
erhält der Wollstoff eine gleichmäßige Oberfläche.
Für gute Tuche wurden die Arbeitsgänge des Rauhens und des Scherens
mehrfach ausgeführt.
Aus der Geschichte wissen wir, dass mit Errichtung des steinernen Rathauses 1354 den Tuchmachern Gewandkammern, also Räume zum Verkauf ihrer Ware, eingerichtet wurden. 1531 erfolgte sogar der Bau eines neuen Gewandhauses direkt am Rathaus. Später diente das Eckhaus Frauenstraße/Rathausplatz diesem Zweck und das heutige Theatergässchen hieß einst Gewandgässchen.
Der Lauf der Geschichte hat den Tuchmachern oft hart zugesetzt. Besonders die wirren des 30jährigen Krieges ließen viele Meister infolge mangelnden Absatzes verarmen. In der Mitte des 17. Jh. brachten böhmische Exulanten, unter denen sich auch Tuchmacher befanden, dem Handwerk Aufschwung und neue Kundschaft. Eine letzte Blütezeit erlebte die Zittauer Tuchmacherei, als sie durch Vermittlung des Kaufmanns Siegmund Bürger, neue Absatzmärkte in der Levante, Russland und Siebenbürgen auftaten. Der technische Fortschritt und die Mechanisierung der Arbeitsgänge im 19. Jh. bedeutete das Ende dieses alten Handwerks. Die ersten kleinen Tuchfabriken entstanden, als sich die Meister zu dieser neuen Produktionsform zusammenschlossen. Heute erinnert uns noch die Bezeichnung der Weberstraße und Zeichenstraße an dieses Handwerk, das einst zu Zittaus Wohlstand und Ansehen in erheblichem Maße beigetragen hat.
Ausführung: Margitta Radschinski, Städtische Museen Zittau, Stadtanzeiger vom 30.01.1998