Prunkwappen der Stadt Zittau
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Die Zunft der Stellmacher in Zittau

Zunftwappen der WagnerZu den ältesten Handwerkergruppen, die sich wohl noch vor der Gründung unserer Stadt hier niederließen, gehören zweifelsohne die Stell- oder Rademacher, in anderen Beschreibungen auch Wagner genannt.

Sich ausgerechnet an der Kreuzungsstelle der alten Leipaer und Gabler Straße anzusiedeln, geschah natürlich nicht zufällig. Die beschwerlichen, holprigen Wege über das Lausitzer Gebirge haben jenen - ungeachtet des Ärgers der Kaufleute - immer Arbeit und Brot garantiert. Ungezählte Bier-, Getreide- und Salzfuhren wären ohne Hilfe der Wagner erbarmungslos im Wald liegengeblieben. Aber auch bei der nahen Mandaufurt mit ihrer Steinaufschüttung werden die Fuhrleute in den Jahrzehnten so manchen gefährlichen Radbruch zu beklagen gehabt haben.

Die Zunftartikel der Stell- und Radmacher stammen von 1572. Aus ihrem Wortlaut können wir heute sehr deutlich nachvollziehen, zu welchem Zweck solcherlei Zunftgesetze damals aufgestellt wurden. Da der Inhalt potentiell auch auf jede andere Berufsgruppe übertragbar ist, soll der Vorspann hier auszugsweise wiedergegeben werden: „Wir, Bürgermeister und Radtmanne der Stadt Zittau bekennen und thun kundt hiermit öffentlich vor allermänniglichen, das für uns in sitzenden Radt erschienen und kommen seint dy ersamen meister des loblichen handtwergs der Rade- ind Gestelmacher dieser Stadt, und haben vor sich und Ire handtwergsgnossen, jung und alt, uns dinstlich vorbracht, mit Bericht, wy das auf iren handtwerg allerhandt unordnung entstunden, dadurch nicht allein der Ungehorsam bei iren Mitmeistern sich ereugete, sondern das auch der Mutwille so groß würde, das inen in die Lenge ohn pillichs einsehen und vorgeschribenne Ordnung, Fried, Lieb u. Einigkeit zu erhalten nicht woll muglich sein köntte, ubergaben uns danebennachbeschribenne Artikell und handtwergsgewonheitten, die allhie vor Alters auf irem handtwergk gehalten weren worden, untertänig bittend, inen dieselben zu bewilligen und zu bestettigen. Und so haben ir angesehen ire gehorsame biett, auch betrachtet, das Ordnung zu allen Dingen nutzlich und gut und das solchs Arm und Reich dieser ganzen Gemein, und zu Auffnehmung ires handwergs zum besten gemeinet wirt; so haben wir inen nachfolgende Artikell bewilligt, zugelassen und bestetiget ...“.

Da der Zittauer Rat auch die Artikel der anderen 62 in der Stadt bekannten Zünfte und Innungen zu bestätigen hatte, besaß er über Jahrhunderte hinweg ein fast uneingeschränktes und riesiges Machtpotential. Unter diesen Umständen erklären sich auch die über Jahrhunderte dauernden ständigen Kämpfe in einer jeden Stadt zwischen Aristokraten und Handwerkern sowie zwischen den einzelnen Zünften selbst um Sitz und Stimme im Stadtparlament.

Zu den „Handwerksgewohnheiten“ der Stell- und Rademacher gehörte beispielsweise, dass beide hinsichtlich ihrer Meisterstücke unterschieden wurden und dass sie einander „nicht ins Handwerk“ - im ursprünglichen Wortsinn - fallen sollen. Während die einen Wagengestelle bauten, fertigten die anderen die dazugehörigen Räder.

Ein weiterer Artikel besagte, dass die Meister alle Quatember (Jahresviertel nach der Zählung des Kirchjahres) durch die Werkstätten zu gehen und die Produkte zu kontrollieren hatten, „tadelhaftige Arbeit sollte zerhauen werden“. Festgelegt war außerdem, dass mit seinem Meisterstück keiner beginnen soll, „er habe denn zuvor eine verlobte Jungfrau“.

Eine Besonderheit des Rademacherhandwerks einer jeden Stadt war die Herstellung von sogenannten „Richträdern“, wie sie zur Hinrichtung von Verurteilten verwendet wurden. Bei der Anfertigung eines solchen in Zittau im Jahr 1749 mussten alle Meister, Gesellen und Lehrlinge der städtischen Zunft mit „Hand anlegen“, um damit - wie die Chronik schreibt - „keine Vorwürfe möglich würden“. Sicher geschah dies auch zur moralischen Entlastung des einzelnen Arbeiters. Das Zittauer Museum besitzt in seiner Ausstellung zur mittelalterlichen Gerichtsbarkeit im sogenannten „Folterkeller“ ebenfalls ein solches Exekutionsinstrument. Es stammt aus dem Jahr 1775.

Ausführung: Arwed Vietze, Städtische Museen Zittau, Stadtanzeiger vom 02.10.1998