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Die Zunft der Zittauer Zinngießer

ZinngießerIn Zeiten, als es noch kein Porzellan und Steingut gab, Glas durch seine Zerbrechlichkeit im alltäglichen Gebrauch zu teuer war, fand man in jedem Haushalt zinnernes Geschirr. Die Hersteller dieser Gegenstände waren die Zinngießer, auch Kannengießer genannt, von denen es am Ende des 18. Jh. in Zittau neun Meister gab. Ihr handwerkliches Geschick konnten sie vor allem dann unter Beweis stellen, wenn es galt, Aufträge der verschiedensten Zünfte auszuführen.

Die Zinngießerei war in Zittau seit dem 15. Jh. ansässig. Schon früh gab es hier einen Meister, der besonders durch die 1562 datierte Kanne der Zittauer Maurer-Innung einen Namen hat: Paul Weise. Dieses exponierte Stück wurde bereits im Stadtanzeiger vom 28.11.1997 vorgestellt.

Bis 1763 bildeten die Zinngießer gemeinsam mit den Tischlern eine Innung. Nachdem eine Trennung der beiden Handwerke erfolgt war, erhielten die Zinngießer am 20.01.1764 eine neue Zunftordnung. Diese Ordnung, die für jeden Handwerkszweig erlassen wurde, regelte genau Arbeitszeit, Qualität der Produkte, Ausbildung, Preise und besonders bei Zinngegenständen, die Kennzeichnung. Jeder Meister war demnach verpflichtet, seine Arbeiten mit der Meister- und Stadtmarke zu versehen.

Besonders streng fiel die Qualitätskontrolle aus, die eine bestimmte Zusammensetzung des verwendeten Zinns vorschrieb. Um mögliche Gesundheitsschäden infolge des Gebrauchs zinnernden Geschirrs zu verhindern, war bei zehn Teilen Zinn der Zusatz von nur einem Teil Blei statthaft. Wurde in verschiedenen Fällen reines oder fast reines Zinn verarbeitet, so erhielt es zusätzlich eine Marke mit der Bezeichnung Feinzinn, Englisch Zinn oder Lauter Zinn.

Die Zunftordnung regelte auch, dass nach dem Ableben des Meisters dessen Witwe die Werkstatt mit Hilfe der Gesellen weiterführen durfte. Jedoch musste dann das Punzzeichen des verstorbenen Meisters durchfeilt werden, um eine deutliche Unterscheidung zwischen Meister und die Weiterführung der Werkstatt durch die Witwe zu gewährleisten.

Genauestens regelte die Zunftordnung alle mit der Ausbildung zusammenhängenden Fragen. Vorraussetzung für die Aufnahme einer Lehre als Zinngießer war die „ehrliche Geburt“ des Bewerbers, die zudem noch von zwei Zeugen zu beiden war. Söhne von Scharfrichtern, Müllern, Totengräbern, Nachtwächtern, Bütteln und verschiedenen anderen „unehrlichen“ Berufsständen kamen für eine Lehre nicht in Frage. Jedoch waren solche Vorschriften territorial unterschiedlich. Nach einer mehrjährigen harten Lehrzeit und der Wanderschaft als Geselle konnte der junge Zinngießer Meister werden, wenn er ein entsprechendes Meisterstück den Zunftmeistern vorlegte. Damit war es aber keineswegs getan, denn Beginn und Beendigung der Lehrzeit, der Eintritt ins Gesellenleben und die Meisterwerdung kosteten Geld. Am teuersten war die Meisterpromotion. Nicht nur ein üppiges Mahl für alle Zunftmitglieder musste der Anwärter ausrichten, sondern außerdem Gebühren für verschiedene, mit der Meisterwerdung verbundene Amtshandlungen entrichten. Das konnte dahin führen, dass der neu zum Meister erhobene Zinngießer hohe Schulden machte, die es durch qualitätvolle Arbeit und großen Fleiß zu begleichen galt.

Zunftkanne der ZinngießerIm Laufe der Jahrhunderte waren in Zittau viele Zinngießer tätig, deren Arbeiten heute durch ihre gediegene Ausführung bei den Besuchern des Zittauer Museums immer wieder Bewunderung hervorrufen. So war beispielsweise die Anfertigung eines Willkomm ein ehrenvoller Auftrag für einen Zinngießermeister, für den keineswegs jeder in Frage kam. Ein Willkomm besitzt meist die Form eines doppelt gebauchten Pokals. Ringsum mit reliefartigen Löwenmasken versehen, dienten diese zum Anhängen von in der Regel silbernen Schildchen, die zu bestimmten Anlässen gestiftet wurden. Die Handhabung des Willkomms als Trinkgefäß bei festlichen Anlässen der Zünfte war an ein strenges Zeremoniell gebunden. Beim Rundtrunk durfte der Willkomm einem anderen nicht in die Hand gegeben oder hingeschoben werden. Er musste vor dem Entsprechenden auf den Tisch gestellt werden. Die Sitte verlangte, das nicht unerhebliche Quantum des Willkomms in höchstens drei Ansätzen zu leeren, ohne einen einzigen Tropfen zu vergießen, ansonsten musste eine festgesetzte Strafe in die Zunftlade gezahlt werden. Es ist vorstellbar, dass man sehr streng auf die Einhaltung der Gepflogenheiten achtete, war doch eine gefüllte Kasse beste Vorraussetzung für eine neue gesellige Zusammenkunft als Abwechslung im harten und langen Arbeitsalltag. Das Zittauer Museum zeigt in seiner ständigen Ausstellung „Zittauer Markenzinn“ einen solchen Willkomm, den der hiesige Meister Georg Titze 1681 für die Zittauer Maurerzunft fertigte.

Meist war das zinnernde Zunftgerät mit aufwendigen Gravuren versehen. Natürlich hing das auch immer vom Geldbeutel der Zunft ab, die einen solchen Auftrag auslöste. Hingegen hatte Zinngerät für den alltäglichen Gebrauch in der Regel neben schlichteren, gebrauchsentsprechenden Formen auch weniger Zierrat aufzuweisen. Und manchem Zinnteller unseres Bestandes ist der rege Gebrauch anzusehen.

Maßkännchen von 1776Besonders im 18. Jh. verbreitete sich die Herstellung von zinnerndem Gebrauchsgeschirr auf Silberart. Erklärbar ist diese Erscheinung aus den existenziellen Sorgen der Zinngießer. In der 2. Hälfte des 17. Jh., als die billigen Fayencepaletten, -teller, -terrinen und –schüsseln dem Zinngeschirr zur Konkurrenz wurden, war schon eine veränderte Formgebung des Zinngeschirrs zu bemerken. Es erhielt jetzt die Gestaltung, die eigentlich dem Silbergeschirr entsprach. Mit der Zeit erfreute sich „Zinn auf Silberart“ großer Beliebtheit und man fand es wohl in jedem bürgerlichen Haushalt. Auch in der ständigen Ausstellung unseres Museums sind solche Gegenstände, von Zittauer Zinngießern gefertigt, zu sehen.

In Zittau war das Handwerk des Zinngießers bis in unser Jahrhundert hinein vertreten. Robert Gottlieb Rudolf Winkler war der letzte Zittauer Zinngießer, er starb am 19. September 1910. Die Bedeutung des Zinns im täglichen Gebrauch wurde im 19. Jh. mit der massenhaften Verbreitung des Steingutes noch geringer. In den letzten Jahren konnten die Städtischen Museen Zittau mit finanzieller Hilfe der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen Chemnitz die Sammlung um vier weitere Stücke Zittauer Zinn bereichern. Die Abbildung zeigt eines dieser Objekte, ein Maßkännchen, 10 cm hoch, von 1776, hergestellt von Johann Gottlob Roesler.

Ausführung: Margitta Radschinski, Städtische Museen Zittau, Stadtanzeiger vom 08.06.1998