2008 traten unter dicken Tünchschichten im Obergeschoss des alten Zittauer Franziskanerklosters einzigartige Wandmalereien zum Vorschein. Sie konnten 2008-2010 mit Förderung durch die Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien und die Ostdeutsche Sparkassenstiftung im Freistaat Sachsen und der Wilhelm-Wobus-Stiftung der Deutschen Stiftung Denkmalpflege freigelegt und restauriert werden. Höhepunkt ist eine monumentale Darstellung eines Jungbrunnens: Aus allen Richtungen streben Menschen unterschiedlicher Stände, von König und Königin bis zu Nonnen und Bettelmönch auf Karren, Leiterwagen, in Sänften, Kiepen oder am Stock humpelnd zu einem Brunnenhaus, um dort ein paar Tropfen des verjüngenden Quells zu erhaschen und sich dann für immer verjüngt der ewigen Liebe hinzuwenden.
Zwar hat auch dieses Motiv einen religiösen Hintergrund - im lange populären Alexanderroman speisen die Paradiesflüsse den Jungbrunnen, der als christliches Symbol der Auferstehung mit Lebenswasser gefüllt ist. Aber in Zittau sind weder Alexander noch seine Ritter zu sehen, vielmehr sind es handfeste Knechte und Mägde. Das Bild spiegelt sinnenfreudige Lustbarkeit. Der Lebensbrunnen ist hier ein Liebesbrunnen. Das bedeutendste Beispiel einer vergleichbaren Szenerie findet man im Piemont (in La Manta), nördlich der Alpen gibt es aus dem 15. Jahrhundert kein Bild, das dem neu entdeckten Zittauer Jungbrunnen gleicht.
Das Bild ist dem Stil und der Mode nach zwischen 1430 und 1450 entstanden. Damals war das Kloster ein Ort vornehmer Gastfreundschaft: Das Prager Domkapitel hatte bei den Zittauer Mönchen Zuflucht gefunden. In diesem Umfeld sind wohl der Ursprung und die Auftraggeber für das grandiose Wandbild zu suchen, doch muss dies weiter erforscht werden. Fest steht, dass in dem Raum mit dem Jungbrunnen noch mehr Wandmalereien vorhanden sind - drei große Heiligengestalten könnten von der selben Hand stammen, wildes Gekritzel liegt auf einer älteren Schicht. Ob es sich um die Zelle eines Malermönchs handelte, der hier experimentierte? Die Geheimnisse des Zittauer Jungbrunnens sind noch lange nicht vollkommen aufgedeckt.
Dies gilt auch für die barocke Dekorationsmalerei, die den übrigen Raum schmückt: eine prächtige Marmorierung in Gelb und Rot, darüber gemalte blaue Schleifen und dunkle Blattstäbe um die Fensternischen - für das Zimmer eines Armenhauses ist dieser Schmuck ebenso ungewöhnlich wie ein Jungbrunnen für ein Mönchskloster. Doch kann vorerst nur vermutet werden, dass der Raum in der Barockzeit als Repräsentationsraum, Empfangszimmer des Vorstehers des Armenhauses gedient hat und deshalb diese Ausmalung erfahren hat.